Für ein jungunternehmerfreundliches Europa

Für eine bessere Zukunft in Europa – mit einem Platz mitten am Spielfeld und nicht am Zuschauerrang – müssen wir ein jungunternehmerfreundliches Europa werden. Die entscheidenden Handlungsfelder dafür sind: Bildung, Entlastung, Fachkräfte und Nachhaltigkeit.

Portrait Bettina Pauschenwein | JW Team

Bettina Pauschenwein | JW Team

JW Bundesvorstandsmitglied

25.1.2022

Bettina Pauschenwein
© JW Burgenland

Wenn es um die Zukunft von Wertschöpfung, Wachstum und Wohlstand geht, dann sind die Augen meist auf die USA und auf China gerichtet. Mit Blick auf Europa wird meist mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, zu wenig Innovationskraft und Alterung beklagt - letzteres übrigens auch durchaus auf das vorherrschende Mindset bezogen. Die jungen, coolen Innovationen und wirtschaftliche Dynamik scheinen anderswo daheim zu sein als bei uns in Europa.  

Doch das alles muss nicht sein. Europa ist nicht dazu verdammt, im globalen wirtschaftlichen Wettbewerb auf den Zuschauerrängen Platz zu nehmen. Im Gegenteil. Wir müssen für eine bessere Zukunft in Europa vor allem eines tun: unternehmerischer werden. Und das heißt vor allem auch: Ein wirklich jungunternehmerfreundliches Europa werden. Dafür ist - trotz aller punktuellen Verbesserungen auf nationalstaatlicher Ebene wie in Österreich - noch sehr viel zu tun. Denn Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer stehen für die Qualitäten, die - gerade in EU-Strategiedokumenten - in klassischer Bürokratensprache nur beschworen werden: für Innovationen, für Digitalisierung, für Resilienz, für Nachhaltigkeit und für Wettbewerbsfähigkeit.  

Was brauchen wir für ein wirklich jungunternehmerfreundliches Europa? Dafür sind aus meiner Sicht Maßnahmen in folgenden vier Handlungsfeldern nötig. 

Bildung für Unternehmertum

In europäischen Schulen lernt man derzeit vieles, Unternehmertum gehört eher nicht dazu. Europa engagiert sich sehr im Bereich digitaler Bildung. So ist eines der Ziele der Kommission, dass bis 2025 70% der erwachsenen Bevölkerung über digitale Basiskenntnisse verfügen sollen. Zu den geplanten Maßnahmen der Kommission zählen Digital Crash Courses für KMU und EU ICT-Jump Start als kurzfristige Intensivtrainings zur Linderung des IKT-Fachkräftemangels. Das ist alles gut und richtig, denn digitale Skills sind für die Zukunft der europäischen Wirtschaft ganz entscheidend. Aber genauso wie digitale Skills müssen unternehmerische Skills von der EU forciert werden. Wir sind im Vergleich zu anderen Weltregionen - und insbesondere zu den USA - eher eine Region der Unterlasser als der Unternehmer. Das muss sich ändern - u.a. durch einen Entrepreneurship-Schwerpunkt auf europäischer Ebene. Wir brauchen mehr und vor allem noch viel mehr junge Unternehmen, die den richtigen Spirit und das wichtige Know-how mitbringen - und damit Europa starke Impulse für mehr Dynamik und Innovationen verleihen. 

Entlastung für Unternehmertum

Ein weiterer wichtiger Hebel für ein jungunternehmerfreundliches, dynamisches Europa sind massive bürokratische Entlastungen für Unternehmen. Gut gemeinte Regelungen - und derer gibt es gerade von EU-Seite viele - haben für Unternehmertum meist die gegenteilige Auswirkung. Bürokratie hält einem bekanntlich von Unternehmertum ab - oder verursacht hohe Kosten und bindet Energien, die man als Unternehmerin oder Unternehmer anderswo dringend bräuchte. Faktum ist: Ein Übermaß an Regulierungen behindert Unternehmen und hat in der Folge negative Auswirkungen auf Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand. Erleichterung soll das „One in – One out“-Prinzip bringen. Das bedeutet, dass für jede neue Belastung durch einen Legislativvorschlag eine bestehende Belastung im gleichen Politikbereich abgebaut wird. Das ist gut, ist aber für ein jungunternehmerfreundliches Europa zu wenig. „One in - Five out“ wäre aus meiner Sicht die bessere Relation. Europa braucht einen massiven Bürokratieabbau, um attraktiv für neues unternehmerisches Engagement aus aller Welt zu werden.  

Fachkräfte für Unternehmen

Die demografische Entwicklung - die in den nationalen Pensionssystemen wie in Österreich dringende Reformen notwendig macht - hinterlässt auch am Arbeitsmarkt massive Spuren. Was den Fachkräftemangel betrifft, sind wir de facto wieder bei der Situation vor Beginn der Pandemie - Tendenz allerdings stark steigend. Junge Unternehmen brauchen für ihren Erfolg ausreichend junge, motivierte und qualifizierte Fachkräfte. Die besten Ideen nützen uns nichts, wenn wir nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, um sie umzusetzen. Wenn Europa substanzielle Beiträge zur Fachkräftesicherung setzen will, dann muss die innereuropäische Mobilität massiv gefördert werden. Menschen ohne Arbeit sollen überregional vermittelt werden können. Wir brauchen auch einen Schwerpunkt auf die Aus- sowie Weiterbildung (reskilling), um das bestehende Fachkräftepotenzial besser mobilisieren und nutzen zu können. Der entscheidende Punkt für ein jungunternehmerfreundliches Europa ist: Europa muss ein wirklich attraktiver Zielort für internationale Talente werden. Dies v.a. in den Bereichen IT oder Green Economy. Zu qualifizierter Zuwanderung gibt es keine Alternative - sie ist kein Problem, sondern die Lösung für neues Wachstum.  

Nachhaltigkeit mit Unternehmertum

Ganz entscheidend für unsere Zukunft ist und bleibt die Bewältigung des Klimawandels. Auch hier profitiert Europa von mehr Jungunternehmertum und muss seine Jungunternehmerfreundlichkeit massiv verbessern. Denn eines ist klar: Den Kampf gegen den Klimawandel gewinnen wir nicht gegen, sondern nur mit unseren Unternehmen. Österreich ist mit seiner Umwelttechnologie-Industrie dafür ein starkes Beispiel. Die Junge Wirtschaft hat mit #unternehmenumwelt eine attraktive Plattform gestartet, auf der junge Unternehmen ihre Leistungen und ihre Kompetenz in Sachen Klimaschutz unter Beweis stellen. Das brauchen wir für ganz Europa.

Verbote und Einschränkungen sind der falsche Weg für mehr Nachhaltigkeit. Wir müssen die Potenziale unserer innovativen, jungen Unternehmen freisetzen, weil sie der stärkste Hebel für Klimaschutz sind, den es weltweit gibt. Dafür braucht es jungunternehmerfreundliche Rahmenbedingungen, zu denen natürlich auch leistbare Energiepreise zählen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist auch Technologieoffenheit: Wir können es uns nicht leisten, Technologien - wie etwa den Verbrennungsmotor - einfach zu verbieten. Es kommt schließlich darauf an, womit man ihn betreibt. E-Fuels und synthetische Treibstoffe eröffnen uns neue, klimafreundliche Wege in die Zukunft. Gerade bei diesen Themen ist die Innovationskraft junger Betriebe entscheidend.

Meine Vision für Europa ist klar: Wenn Europa der globale Jungunternehmerstandort Nr. 1 wird, brauchen wir uns um unsere Zukunft keine bzw. deutlich weniger Sorgen zu machen als jetzt.

 

Ing. Bettina Pauschenwein, MSc ist seit Anfang 2022 JW Bundesvorstandsmitglied. Davor war sie bis Ende 2021 Landesvorsitzende der JW Burgenland. Sie ist Geschäftsführerin von Pauschenwein Creatives Wohnen GmbH in Wiesen.

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